Beethoven und Brexit


Wer in England für den Verbleib in der EU ist, braucht kein Plakat. Er pfeift einfach Beethovens „Ode an die Freude“, die Europahymne! So wurde es uns gemeldet.

Aber wäre denn Beethoven für oder gegen den Brexit? Schwer zu sagen. Vermutlich gefiele ihm ein von Brüssel aus reglementiertes Europa weit weniger als ein Europa der Vaterländer wie es Adenauer und de Gaulle vorschwebte. Dass er der Schöpfer der Europa-Hymne ist, wurde jedenfalls in Brüssel entschieden. Mag sein, dass das unterschwellig für Brexitbefürworter eine Rolle spielt.

Die Deutschen sind jedenfalls unschuldig. Es geschah hauptsächlich auf den Vorschlag eines Mannes hin: Paul Lévy, ein belgischer Holocaust-Überlebender, der  1962 Informationsleiter des Europarates und einer der Vorreiter für die EU war.

Seltsamerweise beauftragte der Europarat damals einen ehemaligen Nazi, das Arrangement für die Hymne zu besorgen, den Dirigenten Herbert von Karajan.

Aber schon seit der Premiere der 9. Sinfonie im Jahr 1824 wurde die Ode von den unterschiedlichsten politischen Strömungen genutzt, von französischen Sozialisten über Nazis, Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens, ja bis zu Rassisten.

Beethoven sah die Sache professionell. Er komponierte patriotische Musik u. a. für Österreich und Variationen über „God Save the Queen“. Ein Jahrzehnt später nahm er diese Hymne und Rule Britannia in seine krachende Schlachtensymphonie auf, die er wohl nur geschrieben hatte, um dafür Geld aus England zu bekommen.

Die einigende Wirkung der Beethovenschen Europahymne ist eher zweifelhaft. Gerade heute, und nicht erst seit dem Brexit, hat sie dem Kontinent kaum Einigkeit beschert. Und das lag nicht daran, dass Frauen nicht Brüder werden können, wie es der Text fordert: „Alle Menschen werden Brüder“. Die verunglückte Rückübersetzung aus dem Englischen „Alle Männer werden Brüder“ wäre heutzutage aber auch keine Lösung.

Klugerweise entschied man sich damals,  nur die Musik, nicht aber den Text  zur Hymne zu machen, sehr  wahrscheinlich zu Recht, weil es außer den Deutschen keiner auf Deutsch singen würde. Andererseits war die Hymne damit von Anfang an ziemlich tot. Wie soll man eine Hymne ohne Text singen? Höchstens ein Drittel wissen überhaupt, dass die EU eine Hymne hat. Und noch  weniger wissen wahrscheinlich, dass es die Freudenmelodie ist. Nicht wenige würden eher auf „We are the champions“ tippen.

Wie die eingangs erwähnte Nachricht zeigt, gibt es aber vielleicht paradoxerweise gerade im Zuge eines Austritts aus der EU, die sicher (noch) nicht mit einem Europa der Menschen gleichzusetzen ist, einen Auftrieb für diese Melodie als Identifikation und Erkennungszeichen. Das wäre für Beethoven zumindest ein Teilerfolg. Denn der von Schiller entlehnte Text fordert nicht weniger als dass sich „alle Menschen“ freudig verbrüdern.

In Anlehnung  an einen englischsprachigen Artikel von Alex Marshall, 2016

Möbelschmerzen


Es gibt noch so viel, was ich nicht wissen will. Zum Beispiel Wittgensteins Überlegungen, warum wir etwas denken können, was es gar nicht gibt. Es ist durchaus denkbar, meint dieser Wittgenstein, dass wir Schmerzen im Körper anderer Menschen oder in Gegenständen wie Möbeln haben. Ein Outsourcing einer Empfindung, ein möbliert wohnender Schmerz sozusagen. Das übersteigt bei weitem den bekannten Hölderlinsche Mitschmerz, der sich ins rein Geistige steigert. Ich sehe hier  neue Wirkungsfelder für eine Kooperation von Palliativmedizin und Möbeltischlerei oder/und eine neue Art von „Schmerzmöbeln“.

Im Zeitalter des Internets ist die Versuchung zu groß, so einen kreativen Begriff nicht dort auch auf seine Neuheit abzuklopfen. Hier gibt es alles, was es gibt und nicht gibt. Und sie sind tatsächlich im Angebot: Schmerzmöbel! Nicht bloß unbequem, sondern Schmerzen verursachend, allerdings nicht in den Möbeln, sondern in Menschen, die dabei Lust empfinden. Wie sagte ich eingangs: Es gibt noch so viel, was ich nicht wissen will.

Da ist es fast schon ein Trost, wenn eine Schreinerei in Österreich signalisiert: Möbelklinik – rasche Hilfe bei Holzschmerzen!










http://www.moebelklinik.at

Bourdelle und Beethoven

tête à tête mit Beethoven

Foto: Wikipedia,Weingartz


Klicke folgenden Link und staune:

https://www.google.com/searchq=bourdelle+beethoven&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=2ahUKEwjsi7Tk-fvfAhVPIlAKHVzaB7UQsAR6BAgFEAE&biw=1600&bih=758

Es gibt unzählige Skulpturen von Beethovens Kopf in aller Welt. Im Freien wie in geschlossenen Räumen. Und jede hat ihre eigene Art. Aber nur eine Art hat mich solchermaßen in ihren Bann gezogen hat, dass ich mir den Reprint eines alten Buches besorgte, in dem ein gewisser  Guy Chastel sehr poetisch über die „Kopf-Arbeit“ des französischen Bildhauers Antoine Bourdelle (1861 – 1929) schreibt.

Nie vor Bourdelle hat ein Bildhauer so sehr das Innere im Äußeren dargestellt, das Aussehen als ein Einsehen in einen Seelenzustand. Die an Rodin, seinem Lehrer, orientierte frei Bildhauerei wollte mehr Ausdruck als Abbild sein. Aber  warum gleich 80? Ihn interessierte der Schaffensprozess als inniges tête à tête mehr als das Endprodukt.

Der brennende Dornbusch, in dem sich Gott dem Moses offenbart, der Busch, der brennt aber nicht verbrennt, ist sozusagen als Vision die innere „Vorlage“ für die Beethovenskulpturen.(sagt Chastel)

In der Bonner Beethovenhalle, die gerade renoviert wird, steht die Kopfplastik „Moi, je suis Bacchus…“(siehe ganz oben) , auf deren Sockel er ein Beethovenzitat,etwas verkürzt wiedergibt: … „und die Welt muß ich verachten, die nicht ahnt daß Musik höhere Offenbarung ist als alle Weisheit und Philosophie, sie ist der Wein, der zu neuen Erzeugungen begeistert, und ich bin der Bacchus, der für die Menschen diesen herrlichen Wein keltert und sie geistestrunken macht“ So heißt es in einem Brief an Bettina Brentano.

Und zwischen all den Metaphern einer Symbiose von Steinmetz und Tonsetzer erzählt Chastel eine rührende biografische Episode mit einem Widder, die ich hier übersetze:

„Um 1908 war er zwei Monate lang in Villars-de-Lans (bei Grenoble). Der Besitzer des Hauses, das er bewohnte, ein Metzger, hatte aus Afrika eine Herde von Widdern mitgebracht, die er nach und nach an seine Kundschaft verkaufte. Einer von ihnen, stärker, stolzer, rassiger als die anderen, hatte Bourdelle auf sich aufmerksam gemacht. Er erwarb es leicht von seinem Besitzer und sobald er bei ihm war, erlebte er die Anerkennung des Tieres für seinen neuen Herrn. Er ging mit  ihm wie mit einem Begleiter spazieren. Wenn er stehen blieb, blieb auch der Widder stehen. Wenn er, um die Landschaft zu bewundern, seinen Kopf in eine Richtung drehte, drehte der Widder den Kopf zur selben Seite; wenn er sich setzte, legte sich der Widder zu seinen Füßen nieder.

Was den Metzger anbelangt, so wollte er ihn nicht mehr sehen, oder suchte, wenn er vorbeikam, bei seinem Beschützer Zuflucht, drückte sich gegen ihn, blickte aber den Eindringling mit skeptischem Auge an und stampfte mit den Füßen, damit er seinen Besuch abkürzte.

Nach zwei Monaten, als er nach Paris zurückkehren musste, bemerkte Bourdelle, dass er sich  seinen Schützling gewöhnt hatte und dass er sich an ihm festhielt, wie sein Schützling an ihm, und er beschloss, ihn mitzunehmen.

Ach! In den Nebengebäuden seiner Werkstatt war es nicht möglich. In seiner Wohnung? Noch weniger. Er versuchte, ihn bei alte Freunden unterzubringen, vor allem bei denjenigen, die am Rande von Paris und seinen Vororten lebten, aber jeder lehnte ab. Man musste sich auf das Schlimmste gefasst machen: Bourdelle führte das Tier zurück in den Stall des Metzgers.

Nur in dem Moment, als er es in den Händen des Schlachters überließ, sah ihn das Tier an mit einem Blick, den er nie vergessen konnte.

Später, lange Zeit später, erinnerte sich Bourdelle noch an diese Trennung und bereute, dass er den Widder aufgegeben hatte. Er sagte: „Es ist das Schlechteste, was ich in meinem Leben gemacht habe.“ Er hatte die Halskette des Tieres behalten, aus Holz, länglich, harmonisch, am Ende mit einer schweren Glocke. Sie blieb in seinem Esszimmer hängen.

Dann schuf er eine Skulptur von seinem Widder, ein entzückendes Werk, das man in einem der Gärten sehen kann, die seine Ateliers umgeben.“

Foto: musée-jardin-bourdelle

ẞeiberhäcker meines Vertrauens macht Doksing

Heute möchte ich

Otto Weininger, Schwarzspanierstraße 15, Wien

bloßstellen:

„Das Weib ist verlogen. Das Tier hat zwar ebenso wenig metaphysische Realität wie die echte Frau: aber es spricht nicht, und folglich lügt es nicht. Um die Wahrheit reden zu können, muss man etwas sein; denn die Wahrheit geht auf ein Sein, und zum Sein kann nur der ein Verhältnis haben, der selbst etwas ist. Der Mann will die ganze Wahrheit, das heißt, er will durchaus nur sein. Auch der Erkenntnistrieb ist zuletzt identisch mit dem Unsterblichkeitsbedürfnis. Wer dagegen über einen Tatbestand etwas aussagt, ohne wirklich mutig ein Sein behaupten zu wollen; wem die äußere Urteilsform gegeben ist ohne die innere; wer, wie die Frau, nicht wahrhaft ist: der muss notwendig immer lügen. Darum lügt die Frau stets, auch wenn sie objektiv die Wahrheit spricht.“

mehr: Mein Beitrag über Otto Weininger

Rootlosigkeit

“Krachend ehrlich” sei sie, las ich, und „saucool“ obendrein. Und ihr Song „No roots“ gehöre zur Kategorie „tanzbarer Indie-Pop“. Mit Indien habe das aber nichts zu tun, mehr mit Unabhängigkeit.

In jungen Jahren, wenn es innen brodelt, legt man sich coolness zu. Bei mir ist sie altersbedingt, da brodelt nichts mehr. Mich interessierte mehr die krachende Ehrlichkeit der Alice Merton. Also hörte ich rein:

„Mir gefällt es, Löcher zu graben und Dinge darin zu verstecken. Wenn ich alt geworden bin, dann hoffe ich, dass ich nicht vergesse, wo man sie finden kann. Denn ich habe Erinnerungen und wandere wie Zigeuner des Nachts“.

Der Text trägt autobiografische Züge und liegt im Niveau deutlich über Freddy Quinns „Heimatlos sind viele auf der Welt“. Aber geschätzte zweieinhalb Millionen Lieder der Einsamkeit und Heimatlosigkeit sind bereits erklungen. Dass „Zigeuner“ nachts wandern, kommt vor, gehört aber auch eher zu den Klischees. Neulich ist erst ein Buch erschienen: „Nachts zogen die Zigeuner fort“

Und über das „Zigeunerloch“ im Altmühltal kommen wir jetzt zu den Löchern. Was bitte ist mit den Löchern? Eine schöne Metapher für das, was wir heimlich in uns vergraben mussten, was wir so weiteres niemandem zu zeigen bereit sind?

„No Roots“ mag wegen der coolen Stimme und dem sehr basslinienorientierten Sound so erfolgreich sein, aber er passt auch textmäßig gut in unsere Zeit. Es herrscht eine nicht zu übersehende Rootslosigkeit in Deutschland.

In meinem Leben wurde versucht, uns das Deutschsein auszutreiben. Europäer oder besser noch Weltbürger, aber nicht Deutsch. Das haben wir uns zwischen 1933 und 45 verwirkt. Sagte man uns. Aber es ist auch nichts Neues entstanden, außer der Glaube an eine bessere Staatsform namens Demokratie und ein euphorisch ersehntes Aufgehen in einer europäischen Union. Beider Reputation ist zusammen mit dem Christentum nun eher im Schwinden begriffen, und so bleibt nichts als Rootslosigkeit und die (alten) Leute leben aus den Löchern, in denen sie Heimat usw. vergraben haben.

Die Löcher sind nicht im Wald bei den Zigeunern, sie sind in einem drin. Viele meiner Generation haben solche Löcher. Darin sind viele Wurzeln vergraben, aber z. B. auch der Wunsch, ganz normal und selbstverständlich Deutsch sein zu können. Denn mein Heim war und ist – anders als bei Alice – hier auf der Erde. Krachend ehrlich.

Leib und Leben

Das Leben kommt aus dem Meer. Wussten Sie schon? Gut. Der Mensch besteht zu mindestens 70% aus Wasser. Wussten Sie auch? Auch gut. Obwohl Sie, wenn Sie ehrlich sind, insgeheim die Prozentzahl für sich geringer und für Ihre Bekannten eher noch höher einschätzen. Dass aber unser Wort „leben“, egal ob klein oder groß geschrieben, von seiner ältesten Wurzel her „schleimig, feucht, klebrig bedeutet, war Ihnen sicher im Augenblick entfallen.

Dieses Wort, mit dem wir unsere flüssige Existenz beschreiben, leitet sich von „Leib“ her und ist mit ihm identisch. Der Ausdruck „Leib und Leben“ meint also ursprünglich ein und dasselbe. Während jedoch „Leben“ heute in aller Munde ist und der Erwerb von einem Pfund Margarine zum Er-„leb“-nis hochstilisiert wird, hat sich der „Leib“  aus dem täglichen Gebrauch fast ganz verabschiedet. Das war vor einem halben Jahrhundert noch anders. Bereits als Grundschüler begegnete ich dem Leib in Schule und Kirche. Wir hatten „Leibeserziehung“,  rannten und sprangen herum und stemmten aus Leibes-kräften Medizinbälle. Das klingt nach Gesundheitsamt und war auch genauso spannend.

Ab den 60er Jahren nannten wir dieselbe Ertüchtigung „Sport“. Das kommt u.a. aus dem Englischen und bedeutet Zerstreuung und Vergnügen. Die Spaßkultur fing also damals schon an.

„Das ist mein Leib!“ rief unbegreiflicherweise der Priester und reckte mit beiden Händen eine kleine weiße Scheibe hoch. Gemeint war natürlich Jesus Christus, der leibhaftig auferstand, im Gegensatz zu meinem leiblichen Vater, den meine geschiedene Mutter wie den Leibhaftigen hasste.

Nicht verschwiegen soll auch werden, dass der Leib in Philosophie und Religion als zweitrangig gegenüber Geist und Seele angesehen wird. Obwohl man sich als Christ vornahm, im Himmel seinen Original-Leib wieder zu bekommen.

Irgendwann hörten wir auch von der Leibeigenschaft der armen Bauern im Mittelalter, und später, bei der Bundeswehr, dem militärischen Frondienst, weckte der UvD uns mit Lyrik vom Feinsten: „Auf, auf ihr müden Leiber, der Flur steht voller nackter Weiber!“

Heute ist zumindest die Umgangssprache fast vollständig entleibt. Wir erfahren aber gelegentlich, dass nicht nur Könige sondern auch Bundespräsidenten einen Leibarzt haben, dessen Untersuchungen aber nicht mit Leibesvisitationen zu verwechseln sind. Leibwächter passen zwar auch in den Zusammenhang, sind aber durch Bodyguards abgelöst worden. Und an die Stelle des „Leibes“ ist doch ziemlich vollständig der „Körper“ getreten. Außer bei Frauen. Die haben beides, unten einen Leib (Unterleib) und oben einen Körper (Oberkörper).

Das Wort „Körper“ (lat. corpus) ist weniger glitschig als Leib, lässt die Vorstellung eines feuchten Lehm knetenden Schöpfergottes gar nicht erst aufkommen und passt daher viel besser zur knochentrockenen Informationssprache unserer Zeit. Aber es ist so allgemein, dass es auch den Gleiskörper der Bahn oder geometrische Gebilde wie eine Kugel bezeichnet.

Nun mögen Sie sagen: „Na und?“ Aber ich bitte Sie, was hat zum Beispiel mein Körper mit einer Kugel zu tun? Lebewesen, insbesondere Menschen haben einen Leib! „Wir kleben am Leben“ singen die Bläck Fööss, weil es sich selbst auf Platt noch schön reimt und treffend auf den Punkt bringt, was unsere Urväter in grauer Vorzeit mit „Leib“ ausdrücken wollten. Aber der technische Zeitgeist hat ein völlig anderes Bild vom Leib. Er sieht ihn eher als ein in Haut, Muskeln und Knochen eingeschweißtes und verkabeltes Organ-Ensemble, einzeln austausch- und ersetzbar. Interessant, dass der Mensch beim Nachbau seiner selbst (Roboter) die 70% Wasser denn auch als „überflüssig“ weglässt.

Ich weiß, es ist angesichts von zunehmenden Überschwemmungskatastrophen schwer zu würdigen: Feuchtigkeit bedeutet Leben und Leben Feuchtigkeit. Wer hätte das nicht, besonders im Zusammenhang mit Fröhlichkeit, schon ausgiebig genossen. Und wenn dann noch das Leibgericht aufgetragen wird, ja, dagegen verblassen selbst die braungebranntesten Körper.

Willi erzählt …

Ich trage das schon lange mit mir rum, aber jetzt muss es raus: Da wurde früher doch lange nicht so viel weggeschmissen wie heute! Ja gut, die Mülltrennung. Aber das mit dem „Riezeikling“ ist doch erst eingeführt worden von diesem Exil-Koreander Rieß-Ei-Kling, weißt du doch …, der mit der Tigerpenissuppe. Genau, den meine ich. Und heute, da wird ja nur rezikkelt, was weggeschmissen wird. Früher wurde vor dem Wegwerfen schon rizzeklingt. Mit dem Erfolg, dass nichts weggeworfen wurde. Also Müllabfuhr gespart.

Das war doch noch in der Stopfzeit. Da wurde jede Tüte gefaltet und aufbewahrt, da wurde selbst jedes Loch noch mal verwendet. Bei Oma das in den Strümpfen und bei Opa mehr das im Pfeifenkopf mit dem Verschnitt von Bahndamm Südseite.

Und erfunden wurde praktisch jeden Tag was. Denn Not macht erfinderisch. Wenn Oma sich verstopft hatte, also unter Verstopfung litt, ja, dann lag das an der Beleuchtung. Was wurde erfunden? Die Küchenlampe zum Herunterziehen. Jawollja! Selbst ein Bundeskanzler war sich nicht zu schade, ein beleuchtetes Stopfei zu erfinden. Der Konrad Adenauer, obwohl der schon ein Mischbrot erfunden hatte, das überwiegend nicht aus Brot bestand. Und Merkel?  Wann hat die jemals ein beleuchtetes Stopfei oder sonst was Praktisches erfunden? Schon mein Vater hat nicht erfunden. Zum Beispiel das Arbeiten.

Das hat er meiner Mutter abgetreten. Die hat mir kurz nach dem Krieg ein Hemd mit den Füßen genäht. „Singer“ stand da, wo ihre Füße wippten und ich saß dabei noch drauf, weil ich dachte, sie hätte mir eine Schaukel geschenkt.

Nein, weggeschmissen wurde nichts. Da haben die Hühner die eigenen Eier zu fressen gekriegt. Also die Schale rezeikelt, für den Kalk. Wenn eine Unterhose verschlissen war, wurde sofort ein Spüllappen draus gemacht. Und aus  abgebrannten Streichhölzern, da hat der Sohn von meinem Opa, als der noch bei uns wohnte, echte Krippenfiguren geschnitzt, über die ich mich gefreut habe.

Wenn was zu nageln war, wurden die Nägel erst aus alten Zäunen mit Kneifzangen aus der Bronzezeit krumm herausgezogen und dann gerade geklopft. Opa kloppte sich öfter auf die Finger, weil er fast blind war, der hatte Physalis auf beiden Augen. Ach, ich könnte da stundenlang von erzählen. Aber lass mal.

Ich glaube sogar, dass damals jeder Furz noch mal wiederverwendet wurde! Ich weiß nur nicht mehr, wie die das gemacht haben. Kann mir da jemand weiter helfen? Wie haben die den denn rezirkelt? Das Wissen darüber scheint uns verloren gegangen zu sein. Und hatten die nicht auch damals schon ihren Winden Namen gegeben wie Egon und so? Da gab’s  doch auch ein Lied mit: „Egon, ich …“